Martin Bärtschi
Energie-Apéro-Anlass zur Schweizer Wasserwirtschaft
Wie sicher ist unsere Trinkwasserversorgung angesichts zunehmender Trockenheit? Und weshalb werden Kläranlagen zu wichtigen Energielieferanten? Am Energie-Apéro vom 13. Oktober bei der Eniwa AG in Buchs zeigten zwei Fachleute auf, welche Herausforderungen auf die Schweizer Wasserwirtschaft zukommen – und warum bereits heute für kommende Generationen geplant werden muss.
Buchs Zahlreiche Interessierte fanden sich im Restaurant Power Inn der Eniwa AG zum Energie-Apéro unter dem Titel «Trinkwasser und Abwasser: Qualität, Reinigung und Anforderungen für die Zukunft» ein.
Dr. Hans-Kaspar Scherrer, CEO der Eniwa AG und Präsident des Vereins Energie-Apéros Aargau, begrüsste die Gäste und stellte Annemarie Müller als neue Projektleiterin der Energie-Apéros vor.
«Als wir das Thema Wasser Anfang Jahr definiert haben, konnten wir noch nicht wissen, was für einen heissen und trockenen Sommer es geben wird», erklärte Scherrer.
Die Trockenheit habe die Wasserversorger vor grosse Herausforderungen gestellt. Selbst jetzt hätten sich die Grundwasserstände noch nicht erholt. Damit war der Bogen zu den beiden Referaten gespannt.
«Wir öffnen den Hahn und es kommt so viel Wasser heraus, wie wir wollen – jederzeit und in einwandfreier Qualität. Die Frage ist: Bleibt das so?», eröffnete Martin Bärtschi, Fachspezialist Wasser beim Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches (SVGW), sein Referat.
Die Schweiz gilt als Wasserschloss Europas. Rund 40 Prozent des Trinkwassers stammen aus Quellen, weitere 40 Prozent aus dem Grundwasser und 20 Prozent aus Seen. Etwa 2400 Wasserversorgungen und rund 7000 Beschäftigte sorgen dafür, dass die Bevölkerung zuverlässig rund um die Uhr mit Trinkwasser versorgt wird.
Doch der trockene Sommer 2026 zeigte die Grenzen dieses vermeintlichen Wasserreichtums. Wenig Schnee im Winter, anhaltende Niederschlagsdefizite und grosse Hitze liessen Quellschüttungen zurückgehen, während gleichzeitig der Wasserverbrauch stark anstieg. Einige Gemeinden mussten bereits Nutzungsverbote aussprechen oder zum Wassersparen aufrufen.
«Wir müssen wissen, wie viel Wasser die Leute brauchen, wenn es über mehrere Wochen oder gar Monate sehr heiss und trocken ist», betonte Bärtschi. Die Herausforderung bestehe darin, Wasserangebot und Nachfrage auch unter extremen Bedingungen in Einklang zu bringen.
Neben der verfügbaren Wassermenge bereitet auch die Qualität Sorgen. Landwirtschaft, Industrie und Siedlungen hinterlassen Spuren. Nitrat, Pestizide und weitere Schadstoffe können ins Grundwasser gelangen. Besonders anspruchsvoll sind Nutzungskonflikte dort, wo wertvolle Grundwasservorkommen und fruchtbare Landwirtschaftsflächen zusammentreffen.
Zwar könnten moderne Aufbereitungsanlagen zahlreiche Schadstoffe entfernen. Doch solche Technologien seien teuer, personalintensiv und energieaufwendig. Letztlich würden die Kosten über den Wasserpreis von den Konsumenten getragen.
Für Bärtschi ist deshalb klar: Der vorsorgliche Schutz der Trinkwasserressourcen muss Vorrang haben. Ebenso wichtig seien eine vorausschauende Raumplanung, verlässliche Daten, gut ausgebildetes Fachpersonal und die Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg.
Ein grosser Teil der Infrastruktur liege unsichtbar im Boden. Allein die Leitungsnetze machten rund 80 Prozent des Wiederbeschaffungswertes einer Wasserversorgung aus. Gemeinden müssten deshalb bereit sein, langfristig zu investieren – auch wenn neue Reservoire oder Leitungen Millionen kosten. «Wir reden hier von Generationenprojekten. Wir müssen heute planen, was erst in Zukunft seine Wirkung entfalten wird», unterstrich Bärtschi. Sein Appell: Jetzt handeln, damit auch unsere Enkel noch sauberes Trinkwasser haben.
Einen Perspektivenwechsel bot Martin Blättler, Geschäftsführer Abwasserverband Region Lenzburg (AVRL). Er zeigte, wie sich die Abwasserreinigung vom reinen Gewässerschutz zu einer vielseitigen Energie- und Umweltaufgabe entwickelt. Noch in den 1960er-Jahren waren verschmutzte Flüsse, Schaumberge und Badeverbote Realität.
Heute reinigt die ARA Langmatt jährlich acht bis zehn Millionen Kubikmeter Abwasser. Der AVRL bündelt die Abwasserentsorgung von 15 Gemeinden. Doch moderne Kläranlagen können weit mehr als Wasser reinigen. Aus Klärschlamm gewonnenes Klärgas wird in Blockheizkraftwerken zu Strom und Wärme umgewandelt. Photovoltaikanlagen liefern zusätzliche Elektrizität, während die Wärme des Abwassers über Wärmepumpen genutzt werden kann.
Damit wird die Kläranlage zunehmend Teil des regionalen Energiesystems. Auch Batteriespeicher und langfristig wasserstoffbasierte Speicherlösungen eröffnen neue Möglichkeiten. Allerdings setzte Blättler klare Grenzen: Die Reinigungsleistung hat stets Vorrang vor der energetischen Optimierung.
Die Abwasserreinigung selbst verursacht ebenfalls Treibhausgase. Besonders Methan aus der Schlammbehandlung und Lachgas aus biologischen Reinigungsprozessen belasten die Klimabilanz. Auf der ARA Langmatt verursachten offene Schlammlager laut Blättlers Präsentation rund 1000 Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr. Abdeckungen, Messungen und optimierte Prozesse sollen diese Emissionen reduzieren.
Gleichzeitig steigen die gesetzlichen Anforderungen. Stickstoff und Mikroverunreinigungen müssen künftig noch stärker entfernt und die Treibhausgasemissionen bis 2050 auf Netto-Null gesenkt werden. Gewässerschutz, Energieeffizienz, Klimaschutz und Versorgungssicherheit müssen deshalb gemeinsam betrachtet werden.
Wie die Abwasserreinigung von morgen aussehen könnte, zeigte Blättler am Projekt ARA Seetal. Die bestehende ARA Langmatt soll zu einem regionalen Zukunftsstandort für 36 Gemeinden ausgebaut werden. Dabei geht es nicht nur um modernste Reinigungstechnik, sondern auch um die Nutzung von Strom, Gas, Wärme und weiteren Energiepotenzialen.
Gemäss vorgestelltem Zeitplan soll der Baustart 2030 erfolgen, die Inbetriebnahme der biologischen Reinigung ist für 2034 und die Einweihung für 2037 vorgesehen. Das Projekt verdeutlicht, wie wichtig eine langfristige Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Abwasserverbänden und Energieversorgern wird.
Beide Referate machten deutlich: Sauberes Wasser bleibt eine unverzichtbare Lebensgrundlage, deren Bereitstellung immer anspruchsvoller wird. Während die Trinkwasserversorgung mit Trockenheit, Schadstoffen und steigenden Investitionen kämpft, entwickelt sich die Abwasserreinigung zunehmend zum Energieproduzenten und Klimaschutzakteur.
Die zentrale Botschaft des Abends lautete, dass technischer Fortschritt allein nicht genügt. Es braucht vorausschauende Planung, den Schutz der natürlichen Ressourcen und den Willen zur Zusammenarbeit.
Beim anschliessenden Apéro nutzten die Gäste die Gelegenheit, Fragen zu vertiefen und den Abend bei angeregten Gesprächen ausklingen zu lassen.
Weitere spannende Energie-Apéros auf www.energieaperos-ag.ch.
Von Olivier Diethelm
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