Romana Waller
Die City Managerin Aaraus im Interview
Trotz seiner Blindheit ist Thomas Diethelm fast jedes Wochenende unterwegs.
Bild: odi
Thomas Diethelm ist blind. Trotzdem reist der Rothrister fast jedes Wochenende alleine mit der Eisenbahn quer durch die Schweiz. Was andere durch das Zugfenster betrachten, erlebt er auf seine eigene Weise: Er hört, riecht und spürt die Eisenbahn. Dabei helfen ihm seine grosse Erfahrung, eine sorgfältige Planung und sein ausgeprägter Orientierungssinn.
Rothrist Das rhythmische Rattern der Räder, das Pfeifen der Lokomotive, der Geruch von Russ: Für Thomas Diethelm ist eine Fahrt mit einem Dampfzug ein besonderes Erlebnis. Erst kürzlich fuhr er mit einer historischen Dampfeisenbahn von Huttwil nach Sumiswald und zurück.
«Ich kann die Fenster öffnen, den Russ der Dampflokomotive riechen, die Maschine hören und spüren, wie der Zug fährt», schwärmt der 50-jährige Rothrister. Die vorbeiziehende Landschaft sieht er nicht. Doch das schmälert seine Begeisterung keineswegs.
Thomas Diethelm leidet an Retinitis pigmentosa, einer unheilbaren Netzhauterkrankung, durch die sich sein Gesichtsfeld über Jahrzehnte immer stärker verengte. Heute ist er praktisch vollständig blind und kann lediglich noch vage zwischen hell und dunkel unterscheiden.
Seine Leidenschaft fürs Zugfahren entdeckte er lange vor seiner Erblindung. «Ich geniesse einfach das Zugfahren», sagt er. Natürlich besitzt er ein GA. Er sei eben mit der Eisenbahn «verheiratet», fügt er lachend hinzu.
Meistens ist Diethelm alleine unterwegs. Was für Sehende selbstverständlich ist, erfordert von ihm eine sorgfältige Vorbereitung. Am Computer mit blindengerechter Sprachausgabe studiert er Fahrpläne, prüft Anschlüsse und informiert sich über Baustellen und Streckenunterbrüche.
Er weiss genau, welchen Zug er nehmen und wo er umsteigen muss. Ersatzbusse vermeidet er möglichst. Lieber plant er eine andere Bahnroute oder verzichtet auf die Reise. Einmal kehrte er sogar nach Hause zurück, als ein Streckenunterbruch einen Umstieg auf Busse erforderlich machte.
Weil er schon seit vielen Jahren mit der Bahn unterwegs ist, kennt er zahlreiche Bahnhöfe wie seine Westentasche. Treppen, Perrons und Wege hat er im Kopf gespeichert. Sein wichtigstes Hilfsmittel ist der weisse Langstock, ohne den er nie das Haus verlässt. Einen Ersatzstock hat er immer dabei.
An vertrauten Orten bewegt er sich damit zügig und sicher. Auch zwei spezielle Smartphone-Apps mit Sprachausgabe unterstützen ihn bei der Orientierung auf seinen Reisen.
Vor allem aber verlässt er sich auf sein Gehör. Er achtet auf Durchsagen und die Geräusche seiner Umgebung. Gerät er dennoch aus dem Konzept, fragt er nach. «Die Leute sind sehr hilfsbereit», erzählt er. Oft werde ihm bereits Unterstützung angeboten, wenn jemand seinen weissen Stock bemerke. Auch das Bahnpersonal helfe gerne.
Dabei hat er einen Wunsch: Man solle ihn nicht ungefragt am Arm packen, sondern ihm den eigenen Arm zum Führen anbieten.
Ärgerlich findet Diethelm, wenn Reisende auf den taktilen Leitlinien stehen oder ihr Gepäck darauf abstellen. Für blinde Menschen sind diese Linien eine wichtige Orientierungshilfe. Manchmal kommt es deshalb zu einem unbeabsichtigten kleinen «Bodycheck». Meist entschuldige man sich gegenseitig, erzählt er gelassen. Trotzdem appelliert er an die Reisenden, die Leitlinien stets freizuhalten.
Auch kleinere Missgeschicke gehören dazu. Gelegentlich setzt er sich versehentlich in die erste Klasse. Die Zugbegleiter reagieren meist verständnisvoll, zeigen ihm den Weg in die zweite Klasse oder lassen ihn bei einer kurzen Restfahrt sitzen.
Besonders faszinieren Diethelm historische Dampfzüge. Für Sonderfahrten und Eisenbahnfeste reist er durch die ganze Schweiz, manchmal auch begleitet von Freunden. Seit vielen Jahren sammelt er zudem Lokomotiv- und Wagennummern sowie Revisionsdaten für seine Statistik.
Da er die Anschriften nicht selbst lesen kann, ist er auf andere angewiesen. Lokführer, Zugbegleiter und Mitreisende geben ihm gerne Auskunft oder notieren die Angaben für ihn. So entstehen unterwegs immer wieder Begegnungen mit anderen Eisenbahnbegeisterten.
Neben dem Zugfahren liebt er Dampfschifffahrten auf den grossen Schweizer Seen und gelegentliche Ausflüge mit historischen Postautos.
Seine Blindheit hält ihn auch nicht von grösseren Reisen ab. Mit persönlicher Eins-zu-eins-Begleitung war er bereits mehrmals im Ausland unterwegs, unter anderem in Südamerika. Ein Höhepunkt war die Fahrt mit dem berühmten Wolkenzug in Argentinien, auf einer der höchstgelegenen Eisenbahnstrecken der Welt.
Und noch immer hat Diethelm grosse Reiseträume: Einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok fahren oder in Japan mit einem Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszug unterwegs sein.
Für Thomas Diethelm braucht es keine Aussicht, um eine Zugfahrt zu geniessen. Entscheidend sind das Rattern der Räder, die Geräusche der Lokomotive, das Gefühl der Bewegung – und die Freude, unterwegs zu sein.
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Richtig ansprechen und helfen
Für blinde und sehbehinderte Menschen bedeutet der öffentliche Verkehr Selbstständigkeit, Teilhabe und Lebensqualität. Manchmal sind sie auf Hilfe angewiesen. Wenn Sie helfen möchten, beachten Sie folgende Punkte:
- Aufmerksam beobachten und bei Unsicherheit freundlich nachfragen
- Hilfe anbieten, ohne zu bevormunden
- Sprechen Sie die Person direkt und deutlich an
- Stellen Sie sich kurz vor und fragen Sie: «Kann ich Ihnen helfen?»
- Nicht einfach anfassen oder ziehen, bieten Sie ihren Arm zum Führen an
Von Olivier Diethelm
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