Yvette Körber
Frau Gemeineammann von Oberentfelden im Interview
Am vergangenen Freitagabend veranstaltete die Denkfabrik «Swiss Institute for Global Affairs» (SIGA) in den Räumlichkeiten des Coworking Space «Zoffice» ein hochkarätiges Podium zum Thema «Was bedeutet Kriegswirtschaft und wo steht die Schweiz?».
Zofingen «Kriegswirtschaft»: Ein Begriff, der für viele wohl ausserhalb der Komfortzone liegen dürfte. Ein Grund mehr, dass SIGA-Direktor und Moderator Urs Vögeli diesen aufgriff und vertiefte – mit Gästen, die nicht besser qualifiziert sein könnten.
Den Beginn der Veranstaltung markierte SVP-Nationalrat Thomas Burgherr. In seinem Grusswort beleuchtete er die aktuelle Rolle der Politik für die Armee und die Schwierigkeiten, vor denen die Armee nun nach Jahren des Rotstifts steht. Er forderte, in gewissen Bereichen kürzer zu treten, etwa bei der Auslandshilfe, und die Armee so auf einen zeitgemässen Stand zu bringen.
Als erster Panelteilnehmer ergriff Rolf Siegenthaler, Divisionär und Chef der Logistikbasis der Armee (LBA), das Wort. Er machte klar, dass eine Kriegswirtschaft an sich kein «Hexenwerk» sei und unter anderem hierzulande auch zu Zeiten des 2. Weltkrieges in Form von «Märkli» für Lebensmittel wie Butter und Fleisch Anwendung fand. Denn eigentlich sei eine Kriegswirtschaft kaum mehr als die Einmischung der öffentlichen Hand in die Privatwirtschaft, wenn es um die Kontrolle und Rationierung von Ressourcen geht. Ein alter Hut, also? Mitnichten: Im Rahmen der Militärgesetz-Revision werden in der Winter-Session neue Eingriffsrechte beraten.
Einblick in die Versorgungslage konnte Roland Pfister, Delegierter des Bundes für die wirtschaftliche Landesversorgung, geben. Die Schweiz sei auf den Notfall gut vorbereitet. «Vorbereitet» ist dabei das Motto und die halbe Miete zugleich: Nicht zuletzt sei die Schweiz als ressourcenarmes Binnenland sehr stark von ausländischen Partnern abhängig. Wer bei Engpässen jedoch an Eingriffe wie Lebensmittel-Marken und Butter-Rationierung denkt, liegt laut Pfister weit daneben: Bei Krisen oder sogar Kriegsfällen würde der Staat die Wirtschaft unterstützen, statt massiv einzugreifen. Nicht zuletzt sei die liberal-wirtschaftliche Grundhaltung Voraussetzung für unseren Wohlstand.
Ein praktisches Beispiel lieferte David Sieber, Forschungsassistent der Universität Zürich. «Praktisch» dabei grossgeschrieben: Er besuchte vor kurzem eine Firma in Irpin, gleich oberhalb von Kiew, und untersuchte, wie private Institutionen mit dem Krieg umgehen. Seine Erkenntnisse: Die Unternehmen übernahmen autonom Aufgaben, die sonst staatlicher Natur wären: Evakuationen, Unterbringung von Geflüchteten, Relokationen ins Ausland, alles organisiert über Telegram, Excel-Tabellen und Telefon.
Ausserdem erwiesen sich die lokalen Firmen als überaus wertvolle Helfer. Sie punkten durch ihre lokalen Kenntnisse. So konnte in besagter Firma beispielsweise durch eine persönliche Bekanntschaft eines Mitarbeiters mit einem russischen Cou-cousin ein humanitärer Korridor errichtet werden. Ausserdem unterstützen die Unternehmungen mit ihren Ressourcen die Streitkräfte, sei es mit Lastwagen für Hilfsgüter oder monetären Mitteln. Dieses Learn-ing, dass Firmen den Staat unterstützen können, sollte gezogen werden – es müsse sich aber gleichzeitig immer bewusst gemacht werden, dass ein Zielkonflikt entsteht: Am Schluss will eine Unternehmung profitabel sein, mit oder ohne Krieg.
Myriam Gessler rollte als Militär-historikerin zum Abschluss das Thema geschichtlich auf. Sie hinterfragte grundsätzlich, ob in der Moderne überhaupt von «Kriegswirtschaft» geredet werden könne. Dies, da die Geschichte gezeigt habe, dass neben der Kriegswirtschaft auch eine Friedenswirtschaft laufen muss, um zu überdauern. Ihr sei es daher lieber, mit dem Begriff der «integralen Wirtschaft» zu arbeiten.
Nicht nur der Begriff «Kriegswirtschaft» sei angestaubt, sondern auch das Kollektivgedächtnis, auf das sich die Schweiz in ihrer Verteidigung stützt. Zum einen sei die Schweiz militärisch schwach, obwohl sich das viele nicht eingestehen würden. Zum anderen ist man, so die Expertin, im Jahre 1848 stehengeblieben, geht es um die sagenumwobene Neutralität. Diese habe, ebenso wie die Kriegswirtschaft, einen Wandel vollzogen. Die Schweiz sei gut beraten, sich nach den internationalen Spannungen zu richten und jetzt zu handeln, um im Ernstfall parat zu sein. Denn der Anfang und das Ende eines Krieges sei heute nicht mehr definierbar; somit sei die Schweiz schon im Kriegszustand. Siegenthaler pflichtet der Ansicht bei: Dass nun 30 Jahre lang Frieden herrschte, sei ein Ausnahmezustand; «der Normalzustand in Europa ist Krieg».
Joel Dreier
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